MitOst-Podium: Geschichtsprojekte und Geschichtspolitik in MOE
Abgelegt unter: Allgemein, MOE-Podium
In diesem Gespräch diskutieren (mehr zu den Personen):
- Blanka Mouralová, Collegium Bohemicum, Ustí nad Laben (Aussig)/Tschechien
- Irina Sherbakova, Memorial, Moskau/Russland
- Alvydas Nikzentaitis, Historiker, Vilnius/Litauen
Moderation: Sascha Götz, Berlin/Deutschland
Aus sehr unterschiedlichen Perspektiven wird diskutiert, welche Voraussetzungen und Hindernisse für Geschichtsprojekte in Mittel- und Osteuropa bestehen. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es gibt.
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Aus dem Inhalt
Blanka Mouralová sieht die Entwicklung in Tschechien positiv. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern sehen die Tschechen ihre Geschichte gelassen und es gibt eine wachsende Offenheit für eine kritische Auseinandersetzung. Auch europäische Gelder helfen bei der Realisierung von Projekten. Allerdings fehlt bislang eine staatliche Strategie, um die Beschäftigung mit der Geschichte wirklich nachhaltig zu gestalten.
Irina Sherbakova zeichnet ein negatives Bild der gesellschaftlichen und staatlichen Einstellung zur Geschichte. Es sei wesentlich einfacher, in der Chruschtschow-Ära niedergerissene Stalin-Denkmale wiederzuerrichten als an die Opfer des Stalinismus zu erinnern oder Überlebenden durch Projekte zu helfen.
Alvydas Nikzentaitis sieht die Baltischen Länder zwischen diesen beiden Extremen. Der Geschichtsmythos der baltischen Staaten – wie auch Polens – beziehe sich vor allem auf die Rolle als Opfer im Zweiten Weltkrieg. Es gebe aber auch Tendenzen, eine staatlich-einheitliche Sicht der Geschichte durch Gesetze festzuschreiben und zum Beispiel widersprechende Äußerungen unter empfindliche Strafen zu stellen. Russland sieht er gefangen in einem Sieger-Mythos, der keinen Raum für ein Bild Stalins als Verbrecher lässt.
Alle drei sind sich einig, dass alle genannten Staaten die Voraussetzungen für die freie Beschäftigung mit der eigenen und gemeinsamen Geschichte schaffen müssen.
Zum Hintergrund des Gesprächs
von Sascha Götz
Der 60. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen hat die europäische Öffentlichkeit gerade wieder eindringlich daran erinnert, welch große Rolle die Geschichte in der Verständigung zwischen den europäischen Völkern spielt. Wirkliche Verständigung ist ganz offensichtlich nur möglich, wenn die jeweilige Sicht auf die eigene und gemeinsame Geschichte gegenseitig bekannt ist und mindestens respektiert wird. Für Deutschland als das Land, das den Zweiten Weltkrieg begonnen, wo der Holocaust geplant und über seine Durchführung entschieden wurde, ist das besonders wichtig. Aber es gilt auch für jedes andere Land Europas.
Die Beispiele sind offensichtlich und können überall in Mittel- und Osteuropa gefunden werden: Die Mehrheit in den baltischen Staaten sieht zum Beispiel in den Soldaten der Roten Armee bis heute vor allem Okkupanten und Unterdrücker, Russland ist für manchen Balten bis in unsere Tage eine Bedrohung der eigenen Staatlichkeit. In Moskau dagegen sehen sich viele in einer ungebrochenen Tradition zur UdSSR und bestehen auf der Würdigung der Leistung der Roten Armee beim Sieg über den Hitler-Faschismus. Die Ukraine feiert nationalistische Kämpfer aus der Zeit des zweiten Weltkrieges, die aus polnischer und russischer Sicht Separatisten und Kollaborateure der Nationalsozialisten waren. In Tschechien sind die Beneš-Dekrete, die 1945 die rechtliche Grundlage für die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen und Mähren bildeten, bis heute gültig und werden von den meisten Politikern gerechtfertigt. In Deutschland dagegen halten nicht nur für Konservative und Vertriebenenfunktionäre diese Dekrete für ein schreiendes Unrecht und lehnen die These einer Kollektivschuld der Sudetendeutschen ab. Diese Reihe ließe sich fast endlos fortsetzen.
Angesichts dieser zahlreichen Widersprüche in den Geschichtsbildern stellt sich die Frage nach den Auswirkungen offizieller Geschichtspolitik, aber auch nach den Möglichkeiten und Begrenzungen von privaten Initiativen, die zu mehr Verständnis und Aufklärung beitragen wollen. Wir möchten deshalb in dieser Diskussion den folgenden Fragen nachgehen:
- Welche Möglichkeiten für private Initiativen zu geschichtlichen Fragestellungen bestehen in den verschiedenen Ländern Mittel- und Osteuropas?
- Wie reagiert die jeweilige Öffentlichkeit auf kritische Positionen zur „offiziellen“ Geschichtspolitik?
- Welche Grenzen gibt es für solche Aktivitäten, was wird nicht toleriert?
- Wie müsste sich offizielle Geschichtspolitik ändern, um mehr Raum für private Initiative zu lassen – ohne dass Geschichte privatisiert wird?
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Ein sehr interessantes Gespräch über die Zukunft der Erzählung über die Vergangenheit in Europa und sehr aktuell in Mitteleuropa. Mitteleuropa, geprägt durch die Erfahrung des Nationalsozialismus und Kommunismus, muss alles tun, um diese Erfahrungen in die europäische Erinnerungskultur einzubringen. Leider sind die Regionen Mitteleuropas wie Polen, Deutschland, Litauen, Tschechien oder Ungarn nicht so weit, gemeinsam über diese Erfahrung mit einer gemeinsamen Sprache zu erzählen. Schade. Aber eigentlich geht es in dieser Debatte um das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland. Deutschland ist nicht an einem Gespräch über die Geschichte, vor allem des 2. Weltkriegs und desen KOnsequenzen mit Russland interessiert, denn das könnte negative Auswirkungen auf die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen haben. Russland ist “stabil” in der Geschichtspolitik, fast genauso wie Westeuropa (mit ein paar positiven Ausnahmen). Und so soll das Mitteleuropa gemeinsam vor allem Deutschland (weil es auch kommunistische Erfahrung hat) überreden, darüber mit Moskau zu sprechen.
Und noch ein Punkt: Staat vs. Zivilgesellschaft
Selbstverständlich muss zunächst der Staat agieren, erst im zweiten oder sogar dritten Schritt, wenn sich die staatliche Erinnerungskultur durchgesetzt hat, kann man mit zivillgesellschaftlichen Projekten und Initiativen die lokale, nicht selten widersprüchliche Geschichten erkunden. In dem Punkt stimme ich voll Alvydas Nikzentaitis zu. Absurd ist die Idee, die Geschichtsaufarbeitung nur den zivillgesellschaftlichen Initiativen zu überlassen. Wenn wir davon ausgehen würden, dann wäre das heutige Deutschland völlig woanders, sicher in der kritischen Aufarbeitung nicht so fortgeschritten. Denn Holocaust (aber der Generalplan Ost und verbrecherische und menschenverachtende Vernichtungspolitik auch gegen Zivilgesellschaft in Mittel- und Osteuropa nicht mehr so) bildete und ich hoffe, wird weiter so bleiben, den zentralen Bezugspunkt deutscher Politik.
Und noch ein Punkt: bei dieser Diskussion wäre aus meiner Sicht sinnvoll, einen deutschen Gesprächspartner zu haben, denn Deutschland hat auch kommunistische Erfahrung einerseits und anderseits auch in Deutschland finden ein großer Wandel der Erinnerungskultur statt, was für Mitteleuropa nicht ohne Bedeutung bleiben sollte.
WCz
Kommentar von Czachur — 16. September 2009 @ 22:59
Danke für den Kommentar von WCz – es wäre in der Tat spannend, auch die deutsche Rolle einmal zu beleuchten, darum sollte es aber in der ersten Runde zunächst nicht gehen. Es besteht ja die Möglichkeit einer Fortsetzung in anderer Zusammensetzung!
Kommentar von sGoetz — 17. September 2009 @ 10:40