Parliamentarism in Russia / Parlamentarismus in Russland
Abgelegt unter: Allgemein, Parlamente in MOE
Wie steht es eigentlich wirklich um die Arbeit des Russischen Parlaments?
How does the every-day-work of the Russian Parliament look like?
Diese Frage habe ich mit Alexandr Fomenko besprochen, der von 2003-2007 selbst Mitglied der Duma für die Partei „Rodina“ war. Angesichts des Präsidialen Systems in Russland, der übergroßen Mehrheit der „Kreml“-Partei „Einiges Russland“ und der allgemeinen Kritik an der „gelenkten Demokratie“ in Russland wollte ich wissen, welchen Einfluss das Parlament dennoch hat und welche Arbeitsbedingungen die Russischen Abgeordneten vorfinden. Das Gespräch habe ich in Englisch geführt, eine deutsche Zusammenfassung steht hier zur Verfügung.
I discussed this question with Alexandr Fomenko, who was a Member of the Duma from 2003-2007. Bearing in mind the presidential system of Russia, the huge majority of the ruling Kremlin-party “United Russia” and the criticism of the “Managed Democracy” in Russia I was interested to know about the real influence and the actual working conditions for the Russian Parlamentarians.
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For those who do not want to listen to the interview in English, there is an abstract in German on the website. For an English biography of Mr. Fomenko please see at the very end of this page.
Deutsche Zusammenfassung des Gesprächs
Alexandr Fomenko erinnert eingangs an den letzten Obersten Sowjet, dessen Arbeit 1993 mit der Beschießung des Parlamentsgebäudes endete und kritisiert das Verhalten des damaligen Präsidenten Jelzin als „coup d’etat“ (Staatsstreich). Der Oberste Sowjet Russlands sei seinerzeit „frei von jeder Korruption gewesen“. Seither aber seien im Russischen Parlament keine entscheidenden Debatten mehr geführt worden, die Macht sei eindeutig an den (allerdings auch demokratisch gewählten) Präsidenten übergegangen. Die heutige Duma habe in etwa dieselbe Rolle wie die letzte Duma im zaristischen Russland bis 1917 – nämlich eine beratende Funktion, die Entscheidungen treffe letztlich der Präsident. Dabei zweifelt Fomenko – zu seinem eigenen Bedauern – nicht an der Unterstützung einer Mehrheit der Russen für die jetzt herrschende Partei „Einiges Russland“, obwohl es durchaus Fälle von Wahlbetrug gebe, die das Gesamtbild aber nicht beeinträchtigen können. Die Menschen in Russland hätten eben schlechte Erfahrungen mit Veränderungen gemacht, die für die einfachen Leute meist soziale Verschlechterungen bedeuteten. Daher werde die herrschende Macht unterstützt, um Veränderungen zu vermeiden.
Kritisch sieht Fomenko die geringe Größe des Parlaments mit 450 Abgeordneten und die sehr schlechte technische und administrative Ausstattung. Die Abgeordneten müssen mit ihren maximal zwei Mitarbeitern in einem kleinen Büro zusammensitzen, die Ausschüsse haben nicht genug Mitarbeiter, um alle Mitglieder des Parlaments mit den wichtigsten Informationen zu versorgen. Trotzdem werde angesichts der Wirtschaftskrise von Kürzungen der Ausgaben für das Parlament gesprochen, woraus Fomenko schließt, dass offenbar niemand Interesse an einem wirklich arbeitsfähigen Parlament habe.
Trotz dieses Plädoyers für eine bessere Ausstattung des Parlaments und eine größere Zahl von Abgeordneten ist Fomenko kein Anhänger einer parlamentarischen Demokratie. Er hält es vielmehr für richtig, die de facto nur beratende Funktion des Parlaments beizubehalten. Zu schlecht seien die Erfahrungen der Menschen und das Image des Parlaments, das lange Zeit auch von der Regierung und dem Präsidenten offen bekämpft und eingeschränkt wurde.
Biographie von Alexandr Vladimirovich Fomenko
wurde am 30.08.1961 in Moskau geboren und studierte Literatur und Politik an der Philosophischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität.
Nach seinem Dienst in der Armee publizierte er als Literaturkritiker und arbeitete am zentralen Institut für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften. Später war er Leiter der Öffentlichkeitsabteilung des Ministeriums für Industrie, Wissenschaft und Technologie.
Über die List der Partei „Rodina“ wurde er von 2003 bis 2007 zum Mitglied der Russischen Duma gewählt. Dort arbeitete er im Kulturausschuss und im Ausschuss für die „Anwendung des Wahlrechts in der Russischen Föderation“. Er wurde auch Mitglied der Delegation der Duma in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates.
Biography of Alexandr Vladimirovich Fomenko
was born in August 30th of 1961 in Moscow and studied Literature an Political Science at the Philosophical Faculty of the Russian State University in Moscow.
After his service in the Russian Army he published articles on literature and worked at the central Institute for World Literature of the Russian Academy of Science. Later he served as Head of the Press Relation Department of the Ministry for Industry, Science and Technology.
Through the list of the party “Rodina” he was than elected Member of he Russian State Duma in 2003 (until 2007). In the parliament he worked in the Committee on Culture and in the Commission on the “Application of Electoral Legislation in the Russian Federation”. The parliament delegated him to be a Member of the Parliamentary Assembly of the Council of Europe as well.
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Ein sehr guter Artikel, der ein Licht auf den Zustand der Demokratie in Russland wirft. Allerdings erklärt er teilweise auch die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine.
In dem Bruderstaat ist es nämlich genau umgekehrt. Der Präsident verfügt über eine vergleichsweise geringe Macht. Die Ukraine hat sehr viel mehr als Russland eine parlamentarische Demokratie. Die Gemeinsamkeiten zwischen Duma und Verchowna Rada sind die Korruption und der chronische Geldmangel. Der entscheidende Unterschied besteht aber darin, dass die Verchowna Rada ein echtes Parlament ist, an dem die Regierung nicht einfach vorbeiregieren kann. Die Verchowna Rada erzeugt dabei eine höchst chaotische Demokratie, die sich aber letztlich gegen den präsidialen Machtapparat in der Ukraine durchsetzt. Tymoschenko hat da ihre Verdienste.
Dies ist den Russen höchst suspekt. Die Verchowna Rada wurde meines Wissens auch noch nicht beschossen, was einige Russen gerne sehen würden. Während Putin und Mewedjew wohl lieber den Sitz des westlich orientierten Präsidenten Justschenko beschiessen würden. Es ist nämlich keinesfalls so, dass Putins Russland die demokratische Entwicklung in der Ukraine egal war. Die Ukraine ist ein “Bruderstaat”, der Russland emotional und politisch viel näher ist, als alle anderen ehemaligen Staaten der Sowjetunion, Weissrussland eingeschlossen. Wenn man sich mit normalen Russen unterhält, bekommt man bei der Frage nach der Ukraine in aller Regel eine Antwort: Russland und die Ukraine sind dasselbe. Die Ukrainer sind Russen. Viele Ukrainer (etwa die Hälfte der Bevölkerung) sehen das anders.
Russland, das immernoch auf eine Wiederbelebung der eheähnlichen Beziehungen zur Ukraine hofft, vielleicht sogar auf eine “Wiedervereinigung” sieht daher die “italienischen Verhältnisse” in der ukrainischen Politik äußerst misstrauisch. Ein starker Mann sollte die Ukraine regieren und wieder näher an Russland heranführen. Zu diesem Zweck wurde Janukowitch und seine Partei der Regionen von den Russen unterstützt. Das ging bis zu dem Kauf von Abgeordneten. Janukowitch scheint aber die Erwartungen nicht zu erfüllen. Die Russen wissen nicht mehr, an wen sie sich halten sollen, was eine starke Kränkung für das derzeitige russische Weltbild darstellt. Kein Machthaber (wie in Weissrussland) mit dem man sich verlässlich arrangieren kann. Ein Ukrainischer Diktator ist einfach nicht in Sicht und wird wohl auch nicht mehr kommen! Stattdessen Tymochenko, die gute Chancen auf die Präsidentschaft hat, aber zugleich dieses Amt in den letzten Jahren so geschwächt hat, dass es für sie gar nicht mehr wirklich interessant sein kann. Ein idealer Kandidat wäre nach meiner persönlichen Meinung Janukowitch. Der stände dann an der Spitze des Landes und ließe sich dort ähnlich gut kontrollieren wie derzeit Justschenko. Die ukrainischen Wähler könnten das mitmachen.
Beiden Putin und Medwedjew wäre es allerdings lieber, wenn Tymoschenko selbst Präsidentin werden und die präsidiale Demokratie in der Ukraine wiederbeleben würde. Das russische Weltbild würde wieder stimmen und Tymoschenko kann recht gut mit Putin.
Dennoch, niemals würde sie die Ukraine wieder an Russland heranführen. Die Lage ist prekär. Denn tatsächlich wollen die Ukrainer mehr Demokratie als die Russen. Ihre Toleranz für Chaos und Anarchie ist stärker ausgeprägt. Sie sind de facto ein Volk mit einer anderen Mentalität. Eher italienisch als russisch, wenn man so will….
Dies dämmert auch den Russen langsam, die sich ihrer Mentalität entsprechend wie vertriebene Ehemänner verhalten!
Kommentar von Sönke Paulsen — 19. November 2009 @ 17:06
Danke für diesen ausführlichen Kommentar, den ich freigeschaltet habe, obwohl ich mir ihn ausdrücklich nicht voll zu eigen mache.
Die Unterstellung, dass irgendwer gern das ukrainische Parlament beschießen möchte, ist nicht nur politisch unkorrekt, sondern auch sehr spekulativ. Aber das ist wohl eher polemisch gemeint.
Gerade die genannten emotionalen Aspekte der Beziehung Russland-Ukraine haben mir auch andere Gesprächspartner schon so beschrieben.
Deshalb in der Tat vielen Dank!
Herzlich
Sascha Götz
Kommentar von Sascha Götz — 19. November 2009 @ 17:53